Zell im Jahr 1954

Verena Mayer: Die Stadt Zell im Wiesental

Eine junge Zellerin beschreibt ihre Heimatstadt – neun Jahre nach Kriegsende

Wie sah Zell im Wiesental im Jahr 1954 aus? Wo arbeiteten die Menschen? Wie lebten sie, welche Bräuche pflegten sie – und welche Fragen beschäftigten die Stadt?

Verena Mayer ging diesen Fragen in einer außergewöhnlich umfangreichen Jahresarbeit nach. Als Schülerin der Unterprima des Gymnasiums Schopfheim legte sie auf 63 Seiten eine umfassende Beschreibung ihrer Heimatstadt vor. Ihr Geschichtslehrer Dr. Josef Heimerl bewertete die Arbeit mit 19 von 20 Punkten.

Übersichts-Plan der Gemarkung Zell i. W.
aus der Jahresarbeit von Verena Mayer.

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Eine Momentaufnahme von Zell

Verena Mayer beschreibt nicht nur die Geschichte der Stadt. Sie zeichnet ein erstaunlich breites Bild des damaligen Zell: von Landschaft und Verkehr über Straßen, Häuser und Wohnungsbau bis zu Bevölkerung, Kirchen und den wichtigsten Arbeitgebern. Ebenso widmet sie sich Flurnamen, Mundart, Fasnacht, Sagen, Vereinen und dem Zeller Volksleben.

Besonders spannend ist die Arbeit heute, weil sie unmittelbar aus ihrer Zeit heraus geschrieben wurde. Sie zeigt Zell neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – mit den damaligen Problemen, Sichtweisen und Hoffnungen.

Originalseite aus der Jahresarbeit von Verena Mayer
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Was Verena Mayer beschreibt

Bemerkenswert ist, wie gründlich Verena Mayer recherchierte. Sie sprach mit Fachkundigen, wertete Literatur und unterschiedliche Quellen aus und erhielt sogar Zugang zum Gemeindearchiv und zum Archiv der Zeller Fasnachtsgesellschaft.

Gerade ihre Beschäftigung mit Flurnamen, Mundart, Fasnacht und alten Zeller Sagen zeigt, mit wie viel persönlicher Verbundenheit sie an ihrem Thema gearbeitet hat.

Landschaft & Verkehr
Wiesental, Wasserläufe, Klima und die Verkehrslage von Zell

Stadt & Wohnen
Straßen, Gebäude, Brunnen, Gastbetriebe und Wohnungsbau

Menschen & Kirchen
Bevölkerung, Herkunft und die drei Konfessionen

Arbeiten in Zell
Textilindustrie, Metallbetriebe und weitere Arbeitgeber

Sprache & Brauchtum
Mundart, Tracht, Fasnacht, Bräuche und Vereine

Sagen & Geschichte
Zeller Sagen und die Geschichte der Stadt

Zell in Bildern

34 Fotografien und Fotoansichtskarten machen ihre Beschreibung auch visuell zu einer außergewöhnlichen Momentaufnahme Zells im Jahr 1954. Hier eine Auswahl ihrer Fotos in Schwarzweiß im Format 6 × 6 cm.

Thematische Schwerpunkte

Die Verkehrslage
Schon bei der Beschreibung der Lage geht Verena Mayer auf die für Zell ungünstige Verkehrssituation ein. Sie bringt damit ein Thema zur Sprache, das die Stadt noch über Jahrzehnte beschäftigen sollte – bis zur Eröffnung der Ortsumfahrung der B 317 mit dem Tunnel Freiatzenbach im Jahr 1999.

Wohnen nach dem Krieg
Auch die angespannte Wohnsituation nimmt in ihrer Arbeit breiten Raum ein. Verena Mayer beschreibt den Wohnungsbau und die städtische Infrastruktur in den Jahren nach dem Krieg und verknüpft diese Beobachtungen mit Angaben zur Bevölkerungsentwicklung. So wird deutlich, wie stark Zell 1954 noch von den unmittelbaren Folgen der Nachkriegszeit geprägt war.

Arbeiten in Zell
Verena Mayer beschreibt die Arbeitswelt der Stadt. Sicherlich hat sie von den zahlreichen ortsansässigen Unternehmen einige besucht und massgebliche Leute in Hiblick auf ihre Funktion als Arbeitgeber befragt, darunter Fessmann & Hecker, Zell-Schönau, Vistra und Schappe, Bernauer und Krückels. Damit vermittelt ihre Arbeit eine Momentaufnahme von der Industriestadt Zell in den 1950er-Jahren.

Neunzehn Punkte

Selbst das Gutachten ihres Geschichtslehrers Dr. Josef Heimerl ist ein Zeitdokument. Darin würdigt es v.a. die sorgfältige Quellenarbeit.

Verena Mayer hatte unter anderem Zugang zum Gemeindearchiv und zum Archiv der Fasnachtsgesellschaft und trug Angaben, Daten und Zahlen aus verschiedenen Quellen zusammen.

Verbesserungspotenzial sah er vor allem bei der Gliederung des Inhaltsverzeichnisses – siehe unser nachträglich erstelltes detailiertes Verzeichnis – und er bemängelte die fehlenden Bildunterschriften.

Am Ende steht sein Gesamturteil: 19 von 20 Punkten.

Das Original

Die Arbeit wird als historisches Original unverändert wiedergegeben. Einzelne Begriffe und Formulierungen entsprechen dem Sprachgebrauch ihrer Entstehungszeit bzw. dürften aus älteren Quellen der 1920er- und 1930er-Jahre übernommen worden sein; sie würden heute nicht mehr verwendet!

Das in Pappdeckel gebundene Typoskript umfasst 63 Schreibmaschinenseiten.

Enthalten sind:
– 16 Schwarzweißfotografien im Format 6 × 6 cm
– 18 Schwarzweiß-Fotoansichtskarten
– 2 Handzeichnungen
– 1 Gemarkungsplan

Die Fotoansichtskarten stammen teils aus dem Zeller Handel, teils von überregional tätigen Verlagen. Fotografien und Karten sind mit Fotoecken direkt in ausgesparten Bereichen des Textes befestigt. Das Original befindet sich im Privatarchiv von Rudi Tscheulin in Adelsberg.

Wir danken Rudi Tscheulin, Adelsberg, der das Typoskript zur Verfügung gestellt hat, sowie Dieter Mohr, der uns den Kontext und die Entstehung der Arbeit erläutert hat.

Verena Mayer (später Vollherbst) mit ihrem Ehemann Gerold Vollherbst anlässlich ihrer Goldenen Hochzeit, 2009. Foto: Paul Berger; Quelle: Badische Zeitung, „Die Kultur als ein gemeinsames Steckenpferd“, 6. Mai 2009.

Wer war Verena Mayer?

Verena Mayer, später Verena Vollherbst, war eine gebürtige Zellerin und Tochter des Inhabers von Radio-Mayer. Sie wurde Augenoptikerin und heiratete 1959 Gerold Vollherbst, den sie im elterlichen Unternehmen kennengelernt hatte.

Ihre Verbundenheit mit Zell und seiner Kultur prägte auch ihr späteres Leben. Sie engagierte sich unter anderem für die Städtepartnerschaft mit Embrun, sprach fließend Französisch und Italienisch, war als Dolmetscherin tätig, organisierte Sprachkurse und begleitete Delegationen in die französische Partnerstadt.

Sie war Mitglied der Muettersproch-Gesellschaft und unterstützte unter anderem das Textil-Museum, das Heimat-Museum Klösterle in Schönau und das Bürgerheim.

1954 dokumentierte sie Zell als Schülerin. Jahrzehnte später engagierte sie sich weiterhin für Sprache, Kultur und die Verbindung ihrer Heimatstadt mit anderen europäischen Orten.

Die Quelle entdecken

Jahresarbeit von Verena Mayer als PDF lesen

Erweitertes Inhaltsverzeichnis als PDF lesen

Gutachten von 1954 als PDF lesen

Die Zeller Archive stellen das historische Dokument als Digitalisat für Forschung, Bildung und interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung.

Erkennen Sie etwas wieder?

Einige Fotografien der Arbeit besitzen keine Bildunterschriften. Bereits der Lehrer bemerkte dies 1954.

Erkennen Sie Personen, Gebäude oder Orte? Kennen Sie Geschichten zu einzelnen Bildern?

→ Bitte Ihre Hinweise an die Zeller Archive senden. Wir freuen uns sehr.