Orange Belegumschläge aus dem Verlagsarchiv „Gebr. Metz, Tübingen“
Ein kleiner Bestand von sog. Belegumschlägen stammt aus dem Verlagsarchiv der Gebr. Metz, Tübingen. Die darauf befindlichen Daten und Notizen geben Einblick in den Produktionsablauf, die Archivierung und die Vermarktung von Ansichtskarten in der Zeit des frühen 20. Jh. bis in die sechziger Jahre.

Der Verlag
Die Brüder Heinrich und Gustav Metz übernahmen im Jahr1896 die väterliche Buchbinderwerkstatt in Tübingen, zu der auch ein Schreibwarenhandel gehörte. Mit dem Ehrgeiz, selbst produzierte Ansichtskarten zu verkaufen, konnten sie ihre Firma in kürzester Zeit zu einem führenden Verlag innerhalb des sich sprunghaft entwickelnden Markt ausbauen.

Bereits im folgenden Jahr eröffneten sie in der Basler Clarastrasse 25 eine Filiale, die von Gustav Metz geleitet wurde. Dort wurden die Tübinger Produktion verkauft, aber auch eigene Kunstprojekte verlegt. Ab 1907 erscheint der Markenname „Gustav Metz, vormals Gebr. Metz, Basel“ und dann „G. Metz, Basel“.

Demnach war Gustav Metz alleiniger Eigentümer und er konzentrierte seine Produktion auf den Schweizer Markt und das grenznahe deutsche Gebiet – wie Karten mit Motiven von Zell und dem Wiesental belegen.

Der Tübinger Betrieb hingegen firmierte bis zum Schluss unter „Gebr. Metz, Tübingen“ und nahm in Süddeutschland bald eine führende Stellung im Bereich Bildbände, Prospekte, Führer und Ansichtskarten ein. Bereits ab 1901 muss die Firma eigene Fotografen losgeschickt haben, die auf vorab festgelegten Routen reisten, um verlagseigenes Bildmaterial bereitzustellen.
Bild 5: Wagen mit Leiter, Gebr. Metz 1954 (von https://www.tuepedia.de/wiki/Gebr._Metz ).
Mithilfe einer Drehleiter wurden Aufnahmen gemacht, die durchaus mit Luftbilder von bergigen Regionen der Spezialfirma des Piloten Paul Strähle konkurrieren konnten. Dieser flog Deutschland bereits in den 20er Jahren systematisch ab und verkaufte seine Luftaufnahmen in Lizenz .
Bild 6 Blick von Osten auf Zell, der den nach Norden abgewinkelten Verlauf des Wiesentals wiedergibt. Die Aufnahme ist eventuell mithilfe einer Drehleiter gemacht worden. Gestempelt 1937 (Digitalisat ZA AK-0084).
Unter den in unserem Archiv erhaltenen Fotokarten in Schwarz-Weiß befinden sich brillante Aufnahmen, die auch heutzutage beeindrucken. Man erkennt den Ehrgeiz, diese Bilder abgesehen von Mitteilungen auf der Rückseite selbst sprechen zu lassen und wertvolle Erinnerungen in Alben sein zu können.
Bild 7 Das Foto fängt sowohl den Blick über die Bank und das Tal hin zur Hohen Möhr ein und vermittelt die Ruhe eines friedvollen Abends. Gestempelt 1941/Digitalisat ZA AK-0105).
Tricks und Kniffe
Fotografie waren niemals eine realitätsgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit. So wurden auch auf den bis zu 18 x 13 cm großen Glasnegativen Retuschen vorgenommen, etwa um Leitungsdrähte oder Schlaglöcher in den Straßen zu entfernen. Panoramen wurden aus mehreren Negativen zusammengesetzt, Figuren von Menschen und Tieren hinein montiert oder wegretuschiert. Wurden Bilder aus mehreren Aufnahmen zusammengesetzt, dann sind diese Manipulationen auf den Belegumschlägen nachzuvollziehen. So wurde manches Mal für eine Ansichtskarte mehr als eine Negativnummer notiert (ZA KAU-005; ZA KAU-007; ZA KAU-020; ZA KAU-066).
Bild 8 Die Kartenansicht wurde mithilfe zweier Negative erstellt. Eine sehr schmale Linie um die Sträucher und das Haus links verrät, dass dieser optische Kniff die Nähe der Pension Blumberg zum Kurhaus Schweigmatt suggerierte. (Digitalisat ZA KAU-020).
Das Archiv des Verlags
Bild 8 Screenshot von der Website des Haus der Geschichte
Nach dem Konkurs des Verlages im Jahr 1988 wurde das Firmenarchiv 1990 auf Antrag des Landesdenkmalamts vorläufig unter Schutz gestellt. Davor waren Teile des Archivs in den Handel gelangt. 1991 wurde der gesamte Bestand vom „Haus der Geschichte Baden-Württemberg“ erworben. Etwa 270.000 Glasnegative lagern heute im Depot , hinzu kommen weitere Unterlagen, von denen es bislang noch keine Aufnahmen gibt:
- „Plattenbücher“, in denen die Negative als Glasplatten mit fortlaufender Nummer, Titel, Ort und Bildformat verzeichnet wurden;
- „Blaumappen“ mit Kontaktabzügen von den Glasnegativen;
- „Belegumschläge“ mit Musterkarten und den Daten von Produktion, Verwaltung und Verkauf;
- „Postkartenmappen“, die den Handelsvertretern als Kataloge bei ihren Kundenbesuchen dienten.
Die Belegumschläge und ihre Funktion
Bild 9 Belegumschlag für eine Karte von Zell: Alte Form mit Verschlussklappe; Vorder- und Rückseite mit gleicher Ausrichtung (Foto ZA KAU 030).
Vor der Übernahme des Archiv Gebr. Metz gelangen Teile in den Handel. In unserem Archiv werden momentan werden mehr als 100 Belegumschläge verwahrt. Sie stammen aus dem Zeitraum der Zwanziger bis in die 60er Jahre des 20. Jh. und belegen Ansichtskarten der Orte Adelsberg, Endenburg, Feldberg, Kloster Weitenau, Muggenbrunn, Rohmatt, Schweigmatt, Todtnau, Wies und Zell.
Die Bedeutung dieser Umschläge liegt in der Sammlung und Kategorisierung von Informationen als zentrales Instrument für die
- Zuordnung und Verwaltung des Bildmaterials,
- Lenkung von Produktionsabläufen,
- Nachweis kaufmännischer Prozesse.
Damit entsprach dieses System Anforderungen, die heute an ein Datenbanksystem einer Firma gestellt werden!
Bild 10 Belegumschlag einer Karte von der Schweigmatt; Neue Form mit Einschub und um 180° gedrehtem Formularfeld (Foto ZA KAU-001)
In den 20er Jahren wurde die neue Form von Belegumschlägen mit um 180° gedrehtem Formularfeld eingeführt. Der Vorteil war, dass die Umschläge bei Kontrollen oder Nachfragen nicht aus den Kästen genommen werden mussten, weil die Informationen der Rückseite von ober her gelesen werden konnte.
Organisation des Wissens
Bild 11 Screenshot von der Archivseite des Haus der Geschichte
Von den Glasnegativen des Tübinger Metz Verlags sind rund 250 000 erhalten. Demzufolge müssen auch Belegumschläge in dieser Größenordnung existiert haben. Man stelle sich -zig Meter Regalreihen mit Karteikästen vor! Deren Bestückung und Verwaltung erfolgte nach einer topografisch orientierten Nummerierung und Zuordnung, so dass jedes irgendwann einmal produzierte Kartenstück anhand einer Konkordanz aufzufinden war.
Bild 12 Kartenkatalog der Deutschen Nationalbibliothek, Berlin (https://blog.dnb.de/wissensspeicherung_03/).
Die KartenID
Bild 13 KartenID auf Belegumschlag und auf Ansichtskarte (Foto ZA KAU-052).
Eine gestempelte Nummerierung auf jedem Umschlag oben rechts existiert jeweils nur ein Mal. Sie kann aus Zahl | Zahl oder Zahl | Buchstabe | Zahl bestehen: Die erste Zahl bezeichnet einen topografischen Hauptort, z. B. Zell trägt die Nr. 105. Ein mittiger Buchstabe kennzeichnet einen kleineren Ort, der jeweils in der Nähe des Hauptortes liegt und dessen Name links davon ausgeschrieben ist. Im Fall von Zell sind das beispielsweise Adelsberg (C) oder Rohmatt (U). Die zweite Zahl rechts ist die fortlaufende Nummerierung der jeweiligen Ansichtskarte.
Ab den 30er Jahren wurde diese Kennung auf die Rückseite von Fotokarten gedruckt, so dass jede Aufnahme bis hin zur Negativnummer zurückzuverfolgen ist. Die Folge von zwei/drei Buchstaben dahinter könnte eventuell als Namenskürzel für den Fotografen stehen, womit die erweiterte KartenID das Copyright bezeichnen würde.
Weitere Kategorien
Auf der Vorderseite wurden entweder bei den ältesten Karten die Journal Nr. oder später die Bestell- und Ablege-Nr. oder aber die Bogen Nr. notiert. Deren Anzahl der Einträge stimmt jeweils mit der Zahl der Bestellvorgänge auf der Rückseite überein.
Bild 14 Vorderseite von ZA KAU 048 (Digitalisat).
Auf der Rückseite konnte der genaue Text für die Adressseite der betreffenden Karte notiert werden. Oft verweisen Vermerke „s. Einlage“ auf eine im Umschlag befindliche Vorschrift. Eine KartenID dient als Hinweis, den Text einer früheren Karte zu übernehmen (ZA KAU-025-027).
Bild 15 Rückseite von ZA KAU 048 (Digitalisat).
Eine Neuauflage – nach Karte Nr. –, eine Reproduktion – Nach Bild/Zeichnung Nr. -, wurde ebenso festgehalten wie die Kategorie der Größe und selbstverständlich die Neg.-Nr. Auch der eventuelle Text für Bildseite wurde vermerkt.
Die Nennung von lokalen Geschäften oder Gaststätten als Verleger beruht auf der Geschäftspraxis, dass Großverlage wie Metz den lokalen Geschäften, Hotels und Gaststätten in der Zielregion der Postkartenmotive anboten, als lokaler Verlag aufzutreten. Diese kauften eine feste Auflage exklusiv auf, übernahmen den Vertrieb vor Ort und durfte dafür namentlich auf der Karte genannt werden.
Bild 16 Ausschnitt von der Rückseite ZA KAU-054 (Digitalisat).
Aufschlussreich ist die für jede Karte ausgefüllte vierspaltige Tabelle:
- Das Bestelldat. hielt fest, wann ein bestimmtes Bildmotiv oder eine Nachauflage beim Produzenten in Auftrag gegeben wurde.
- Das Ablieferungsdat. dokumentierte den exakten Wareneingang im Tübinger Verlagsdepot.
- Die Auflage nannte die exakte Stückzahl der gedruckten Postkarten für diesen spezifischen Drucklauf.
- Der Eintrag Lieferant verwies darauf, ob die Karten bei Metz selbst oder aber sekundär bei einer externen Kunstdruckanstalt oder Lithografiewerkstatt produziert worden war. Die dahinter mit Bleistift notierten Namenskürzel könnten sich auf den jeweils Verantwortlichen bei der Produktion beziehen.
Reproduktionstechniken
Eine Karte von 1950, die sich vom Belegumschlag gelöst hatte, gab den Blick auf die vom Verlag ehemals angebotenen Reproduktionstechniken frei.
Bild 17 Der Verlag der Gebr. Metz, Tübingen bot im Verlauf seines Bestehens mindestens 18 verschiedene Bildverfahren an. Allerdings betrieb man schon damals Outsourcing, indem man Aufträge an Spezialfirmen auslagerten (Digitalisat ZA KAU-052).
Für die Karte, ZA KAU-052 ist „Photographie schwarz“ markiert – sichtbar, bis sie dann aufgeklebt wurde. Nehmen wir an, dass von diesen Umschlägen eine große Menge gedruckt worden war, so sind nicht alle genannten Verfahren noch in den 50gern aktuell.
Spätere Belegumschläge aus den 60er Jahren sind hingegen blanko, da die Karten vorne aufgeklebt wurden. Ursprünglich also steckten die Ansichtskarten in den Umschlägen, nach einer Umstellung wurden alle, auch die früheren Karten auf der Vorderseite aufgeklebt.
Auflagen und Laufzeiten
Die gängige Stückzahl einer Auflage betrug 500 Stück, in unserem Bestand gibt es jedoch auch Bestellungen über 1000 – ZA KAU-001; ZA KAU-023; wegen Korrektur ZA KAU-012; ZA KAU-030-31. Eine besondere Auflage von 2500 Stück erlebte die Karte ZA KAU-003 mit der Ansicht vom Kurhaus Schweigmatt.
Die Laufzeiten von Ansichten sind an den Zeiträumen abzulesen, innerhalb derer die Bestellungen getätigt wurden – normalerweise zwischen 2-10 Jahren.
Eine Besonderheit sind die „zensierten Karten“, von denen sich drei im Bestand befinden. Diese Ansichten waren während der Nazidiktatur verboten, wurden jedoch in der Nachkriegszeit wieder aufgelegt Sie werden ein einem eigenen kleinen Beitrag in Kürze vorgestellt.
Bild 18 (Digitalisat ZA KAU-034). Hier wurde das selbe Negativ für denselben Auftraggeber 16 Jahre nach der Erstauflage wieder produzier – allerdings mit leicht abgewandeltem Text (Digitalisat ZA KAU-034)
Interessante Seiten
Fakten zum Archiv der Gebr. Metz, Tübingen bietet der kurze Artikel im Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg (als pdf herunterzuladen):
Links zu weiteren Quellen gibt das „Stadtlexikon“ TÜpedia: https://www.tuepedia.de/wiki/Gebr._Metz
Das Haus der Geschichte Baden Württemberg bietet einen Überblick der Glasnegative aus dem Archiv der Firma:
Beispiele von wunderschönen Lithografie-Karten aus dem Basler Verlag G. Metz wurden von einnem Schweizer Sammler online gestellt:

Schreibe einen Kommentar