Mehr als ein Fasnachtsgag
Im letzten Jahr war die Rede von einem Printmedium, das nachmittags um drei schon darüber informierte, was mittags um zwölf passiert war. So berichtete es die „Schwarzwälder Post“ in ihrer Ausgabe vom 7. März 2025: „Völlig losgelöst – mitten in der Zeller Fasend“.
Was für die Zeller am Harmersbach ein fasnächtlicher Traum bleiben wird, wurde für die Zeller im Wiesental eine Realität: eine spezielle „Zeller Zeitung“.
Ein Kellerfund historischer Zeitungen
Gegen Ende des letzten Jahres gelangten mehrere Packen „Altpapier“ zu uns. Peter Zluhan hatte sie vor Jahren schon anlässlich des Umbaus des Hauses in der Schönauer Straße 54 zum heutigen „Fasnachtshus“ aus dem Keller geborgen:
Zwei dicke verschnürte Pakete der „Badischen Presse“ – Ausgaben aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zerbröselten fast unter unseren Händen. Widerstandsfähiger gegen Zeit und Kellermuff erwiesen sich zwei fast komplette Jahrgänge der „Badische Illustrierten“, und zwar der allererste Jahrgang aus der Nachkriegszeit von 1946 und ein weiterer von 1951.
Als Hit sind neun Ausgaben der „Zeller Zeitung“ zu bezeichnen, und zwar deshalb, weil wir in unseren Recherchen in den überregionalen Zeitungsarchiven kein einziges Exemplar dieses original Zeller Druckerzeugnisses auffinden konnten. Bei den neun Ausgaben aus dem Jahr 1933 handelt es sich also um rare Exemplare eines kaum bekannten Nachrichtenblatts.
Die W-Fragen zur Zeller Zeitung
Von den klassischen sogenannten 7 W-Fragen sollte – aus journalistischer Sicht – ein guter Zeitungsartikel wenigstens fünf beantworten. Wenden wir sie doch an dieser Stelle an, um zu schauen, was bei unserer Recherche herauskommt.
Schon das Erscheinungsbild und der Zeitungskopf, also der Bereich im oberen Teil der Titelseite, gibt uns Antworten auf vier der W-Fragen!

Was?
Die „Zeller Zeitung“ erschien mit den Abmessungen 33,0 x 49,0 cm in einem Sonderformat, das als A3+ in der Drucktechnik bis heute gebräuchlich ist. Damit war es leicht kleiner als das damals schon für Zeitungen gebräuchliche „Rheinisches Format“. Der Grund für die Abweichung von den schon damals gebräuchlichen Größen für Printmedien – Berliner, Rheinisches oder Nordisches Format – mag durch den Ort ihrer Herstellung bedingt sein, eine Allrounder-Druckerei in Zell. Eine Ausgabe besteht aus einer längs gefalzten Doppelseite, darin ein einzelnes Innenblatt. Die hintere, sechste Seite ist jeweils den Kleinanzeigen gewidmet.
Wo?
Der Erscheinungsort ist die Verlagsgenossenschaft Zell im Wiesental.
Wann?
Aus dem Jahrgang 4 ist das erste Erscheinungsdatum der „Zeller Zeitung“ im Jahr 1930 zu ermitteln. Die „Zeller Zeitung“ erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Wann die Zeitung ihre Erscheinung einstellte, konnten wir bislang nicht herausfinden.
Wer?
Verantwortlich für den Inhalt zeichnet Herr K. Frick.
Wie?
Im „Deutschen Zeitungsportal“ ergibt eine Suche nach der „Zeller Zeitung“ drei ähnlich lautende Kurznachrichten – im „Mittelbadischen Courier“, im „Landboten“ für den Amtsbezirk Sinsheim sowie im „Badischer Beobachter“.
Deren Datum, jeweils Ende Mai 1930, lässt vermuten, dass sie auf eine Pressemitteilung der im Mai neu gegründeten Zeitung zurückgehen.
Hier der Wortlaut im „Badischer Beobachter“, dem Hauptorgan der badischen Zentrumspartei:
„Neues Zeitungsunternehmen. Zell i. W., 23. Mai. Das Wiesental ist um eine neue Zeitung bereichert worden, nämlich um die „Zeller Zeitung“, die als „Generalanzeiger für Zell und Umgebung“ täglich erscheint, im Verlag der „Verlagsgenossenschaft Zell i. W.“. Die neue Zeitung will politisch gänzlich unabhängig sein, alle Standesinteressen gleichmäßig vertreten und auch in konfessioneller Hinsicht jede Neutralität wahren. Der verantwortliche Schriftleiter ist Herr K. Frick, Zell i. W., bisheriger Redakteur der „Oberländer Tagespost“, in Zell i. W., die durch Verschmelzung mit dem Lörracher Zentrumsorgan, „Lörracher Tagespost“, im Frühjahr aufhörte zu existieren.“

Wozu?
Merkwürdig erscheint, dass das neue Medium in allen drei Mitteilungen als „Bereicherung“ bezeichnet ist, obwohl es die ebenfalls in Zell erschienene „Oberländer Tagespost“, die an der christlichen Zentrumspartei orientiert gewesen war, lediglich „ersetzt“ hatte.

Die nachdrücklichen Formulierungen, die neu gegründete Zeitung sei „politisch gänzlich unabhängig“ und „in konfessioneller Hinsicht jede Neutralität wahrend“ fallen auf. Sie sind möglicherweise in dem Sinne zu verstehen, dass sich hier im christlich orientierten Wiesental die neue Zeitung als neutrale Stimme zu etablieren sucht, um dem existenziellen Druck auf die Presselandschaft durch die erstarkende NSDAP zu begegnen – mit dem alten Chefredakteur (!).
Bereits wenige Tage nach der Machtergreifung zeigt sich in den Artikeln der neun erhaltenen Ausgaben die neue Realität: die beginnende Gleichschaltung der Presse durch die neuen Machthaber.
Zum Beispiel:
„Verordnung zum Schutz des deutschen Volkes. Neue verschärfte Maßnahmen über Versammlungs- und Pressefreiheit“.
Darin: „… Periodische Druckschriften können aus den gleichen Gründen verboten werden, aus denen Versammlungen aufgelöst werden können. … wenn in den Druckschriften zu einem Generalstreik oder zu einem Streik in einem lebenswichtigen Betriebe aufgefordert oder angereizt wird, wenn in ihnen offensichtliche unrichtige Nachrichten enthalten sind, deren Verbreitung geeignet ist, lebenswichtige Interessen des Staates zu gefährden.“ – Nr. 32 vom 7. Februar 1933.
„Reichskanzler Hitler vor der deutschen Presse“.
Darin: „… legte sein grundsätzliches und sehr betontes Bekenntnis zur Pressefreiheit ab … .“ „ … drückte sein Bedauern darüber aus, dass trotzdem sehr scharfe allgemeine Bestimmungen gegen die Pressefreiheit notwendig geworden seien. Das Verhalten einzelner Organe der Linken habe ihn aber dazu veranlasst.“ – Nr. 34 vom 9. Februar 1933
Warum?
Unsere letzte W-Frage muss leider unbeantwortet bleiben!
Aus welchen Gründen wurde die „Oberländer Tagespost“ aus Zell entfernt Stand sie als selbstständige Tageszeitung vor dem Ruin? Wie finanzierte sich die „Zeller Zeitung“? Hatte sich das Druck- und Verlagshaus der „Oberländer Tagespost“ von der „Wiesentäler Vereinsdruckerei e.G.m.b.H., Zell/Wiesental“ aufgrund eines Handwechsels in „Verlagsgenossenschaft Zell i.W.“ umbenannt?

Eine Notiz in eigener Sache als Kleinanzeige lässt annehmen, dass die beiden Zeller Zeitungen – die ehemalige und die gegenwärtige – in irgendeiner Form koexistierten.

Eine uns vorliegende Kopie der “Tagespost” vom 24. Oktober 1932 nennt die “Oberländer Tagespost” neben der “Lörracher Tagespost” im Kopf. Sie war eine der regionalen Zeitungen im Markgräfler Land, welche in der Endphase der Weimarer Republik über die turbulente politische Lage, den Aufstieg der NSDAP sowie von lokalen Ereignissen berichtete.
Inhalte der „Zeller Zeitung”
Die uns vorliegenden Ausgaben stammen aus dem Zeitraum vom 7. Februar bis 17. März 1933.
Die Zeitung folgt einem klaren Aufbau:
Auf der Titelseite finden sich die überregionalen politischen Themen, die sich – je nach Umfang – bis auf die zweite Seite fortsetzen.
Die Seiten drei bis fünf sind den regionalen und lokalen Nachrichten gewidmet, insbesondere aus dem heutigen Landkreis Lörrach und den Gemeinden des Oberen Wiesentals.
Die sechste und letzte Seite enthält lokale Kleinanzeigen.
Selbst lesen!
Die vorliegenden Ausgaben wurden von uns digitalisiert und können auf unserer Webseite gelesen werden.
Sie eröffnen ein kleines, lokales Fenster in eine Zeit tiefgreifender Umbrüche der deutschen Geschichte.
👉 Zur Übersicht der Ausgaben:
Die „Zeller Zeitung“ 1933 – Digitalisierte Ausgaben aus dem Wiesental
Weitere Ausgaben?
Vielleicht befinden sich in Ihrem persönlichen Umfeld noch weitere Exemplare der „Zeller Zeitung“.
Wir freuen uns über jeden Hinweis.
Gerne digitalisieren wir solche Funde und machen sie ebenfalls öffentlich zugänglich.
Markus Becker und Bettina Janietz


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